Keketuohai

Xinjiang liegt im Herzen Zentralasiens, umgeben von namenhaften Hochgebirgen wie Altai, Tian Shan, Karakorum, Pamir und Kunlun. In der größten Provinz von China leben neben den Han-Chinesen vorwiegend die muslimischen Turkvölker: wie die Uiguren, Hui, die Kasachen sowie die Mongolen.

In der Provinzhauptstadt Urumqi findet man, anders als im übrigen Festlandchina, eher Kebabstände als heiße Nudeln und verschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten als Han-Chinesen.

In der Provinzhauptstadt Urumqi findet man, anders als im übrigen Festlandchina, eher Kebabstände als heiße Nudeln und verschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten als Han-Chinesen. Von hier nehme den Überlandbus direkt nach Keketuohai. Nach dem Verlassen der Stadt macht sich augenblicklich trockene Wüstenlandschaft jenseits des Asphaltes breit. Am Fenster ziehen auch einige Kamele und Schafsherden vorbei und dann trostlose Industrieanlagen und Minen inmitten von Sand und Staub, wie in einem Endzeitszenario. Nach etwa 8 Stunden Fahrt tauchen die ersten Berge am Horizont auf und das Reiseziel kommt langsam in Sichtweite. Ganz im Nordosten, wo die Beckenlandschaft in das Altaigebirge über geht an der Grenze zur Mongolei und Russland, liegt der Keketuohai Nationalpark. Mit den Bergen tauchen auch Flüsse und grüne Felder und einzelne Bäume auf. Die Straße im Park windet sich langsam bis auf etwa 2000 Meter durch einen immer üppiger werdenden Taigawald. Links und rechts der Straße erscheinen mächtige rundgeschliffene Granitdöme, Zeugen der Eiszeit vor einigen Jahrmillionen und vielleicht bald eine neue Landmarke für Bergsteiger in China.

…mächtige rundgeschliffene Granitdöme, Zeugen der Eiszeit vor einigen Jahrmillionen und vielleicht bald eine neue Landmarke für Bergsteiger in China.

Die ersten Expeditionen in 2008 bis 2010 bemühten oft Vergleiche mit dem kalifornischen Yosemite. Doch das Tal hat seinen ganz eigenen Flair: ein rauschender Gebirgsbach versorgt die Bauern mit frischem Wasser und Nomaden wandern mit Schafen und Kamelen umher. Mittendrinn dürfen wir als Gäste in einem Mongolenzelt wohnen. Die Leute aus der Altairegion sind vorwiegend Kasachen, deswegen gibt es auch einige Verständigungsschwierigkeiten mit unserer freundlichen Gastgeberfamilie. Zu meiner Ankunft Mitte September begeben sich die Nomaden von ihren Weidegründen aus der Mongolei auf den Marsch ins Turfanbecken, weil in wenigen Wochen der Winter Einzug halten wird. Im ganzen Tal sind die Nomandenfamilienen mit schwer beladenen Kamelen und Schafsherden unterwegs.

Am Tor des Nationalparks werde ich abgesetzt und mache mich auf den Weg, um Ola und die anderen Freunde zu treffen. Angekommen im Lager sehe, ich dass sie sich in mongolischen Zelten eingerichtet haben. Ola begrüßt mich freundlich und ich treffe Mike und Andrew, Garrtett und Xiaoli. Mike und Andrew sind aktive Erstbegeher. Mike Dobie hat im Wesentlichen dazu beigetragen, dass Liming ein anerkanntes Klettergebiet geworden ist. Garrett hat in mindestens 100kg Gepäck diverse Kameras, um Fotos von unseren Erstbegehungen zu machen. Und Xiaoli ist unserer Mitstreiter sowie Vermittler. Sein Guanxi mit der Parkleitung wird hat bereits die Tore zum Park geöffnet. Im Zelt herrscht die übliche Kletterer-Dirt-Bag Atmosphäre: Kletterer die sich nur sporadisch waschen, Socken und Kletterausstüng die zum Trocknen herumhängen und Sammlungen von abgenutzten Tapehandschuhen. Mike und Andrew spielen Videospiele und Ola und Garrett bereiten sich einen Nachttrunk mit dem Campingkocher zu.

..die übliche Kletterer-Dirt-Bag Atmosphäre: Kletterer die sich nur sporadisch waschen, Socken und Kletterausstüng die zum Trocknen herumhängen und Sammlungen von abgenutzten Tapehandschuhen.

Ola ist eine bemerkenswerte polnische Bergsteigerin. Sie hat unsere Expedition langfristig organisiert und dafür gesorgt, dass einige gute Kletterer wie Mike und Andrew dabei sind, um neue Routen zu erschließen. Außerdem leistete sie eine Menge Überzeugungsarbeit beim Nationalpark zu unserer Mission, damit traditionelles Bergsteigen für die Zukunft als legaler Sport im Park anerkannt wird und bürokratische Hürden und Vorurteile abgebaut werden. Ich bin der letzte Nachzügler, der sich der Gruppe anschließt. Denn meine Freunde haben schon 2 Wochen im Park verbracht und fleißig Routen erschlossen. Vor meiner Ankunft haben wurde ich gebeten, ausreichend Sonnencreme für alle mitzubringen, da die Tage extrem heiß in den Sonne waren. Jetzt zwei Wochen Später ist es Mitte September, die Tage angenehm war und die Nächte bereits kühl.

Ola führt mich an unser erstes Projekt heran. Am “Balderhan“, so nennen die Einheimischen den Berg, beginnen wir die ersten drei Seillängen an einem fantastischen Risssystem zu einem Absatz unter einem großen Dach. Die Säuberung der Risse erfordert einiges an Gartenarbeit und Zeit. Eine mir fremd vorkommende Pflanzenart, die fast wie eine größere Form des Gummibaumes, den ich in meiner Kindheit gehegt und gepflegt habe aussieht, hat sich anscheinend, wie wir Kletterer auf Granitrisse spezialisiert. Zu unserem größtem Leid gibt es auch jede Menge Hagebutten, die den gemeinen Zimmer-Kaktus im Punkto Stacheligkeit in nichts nachstehen. Unter einem Dach wird es unerwartet steil und Sicherungsmöglichkeiten sind nicht mehr in Sicht. Ola will 10 Meter rechts queren, aber die Querung sieht blank aus. Unter dem Dach verläuft nur ein winziger Riss und unter uns saugen 100 Meter Felswand an unseren Gemütern.

Unter dem Dach verläuft nur ein winziger Riss und unter uns saugen 100 Meter Felswand an unseren Gemütern

Am nächsten Tag steht Ola auf den Reibungstritten der Querung und ist mit der Bohrmaschine bewaffnet. Es gibt nur einige schlechte Griffe für die Hände und ihre Hose flattert im frischen Herbstwind als sie den Bohrer aus ihrer wackligen Stellung ansetzt. Nach ein Paar angespannten Minuten hat sie endlich den Haken gesetzt und wir können die Querung, ohne dem Tod zu tief ins Auge blicken zu müssen, überwinden. Die letzten drei Seillängen sind ein wahrer Genuss und entschädigen für die Gartenarbeit. Für die farbenprächtige Anmut des wunderschönen Herbstabendsonnuntergangs bleibt nur wenig Zeit, denn wir müssen noch einen unbekannten Weg vom Bergmassiv hinabsteigen.

Im unseren Mongolenzelt ist es zwar gemütlich aber die Jungs wollen wieder runter in das Dorf ziehen. Im Zelt bekamen wir jeden Tag die selbstgemachten Nudel zusammen mit Paprika und mit wechselnden Fleichsorten serviert. Das leckere einheimische Gericht schmeckte auch einige Tage aber dann fehlte einfach die Abwechslung. Wir lebten eine Woche zusammen mit der Kasachenfamilie. Der alte Onkel spielte uns auf seiner Klampfe vor und die Jungs spielten gerne mit uns. Waschen war nur im eiskalten Bach möglich. Die Lebensumstände waren bescheiden, doch die Gastfreundschaft und das Zusammenleben mit den Kasachen war ein besonderes Erlebnis. Im Dorf gibt es am Straßenrand die sogenannten Nang Brote. Sie werden von Ihnen an die Ofenwand geklebt, wo sie goldbraum gebacken werden. In den wenigen Restaurants werden wir fündig und erkunden die kulinarischen Genüsse Xinjiangs.

Unsere zweite Mehlseillängenroute soll auf die Divine Bell führen. Aufgrund der Bedenken der Parkaufsicht mussten wir versprechen, nicht die imposante Nordwand zu besteigen, weil dort der größte Publikumsverkehr sei. Abseits der Touristenpfade ist das Massiv der “Glocke“ aber noch viel breiter, als es den Anschein hat. Die Ostwand misst etwa 800 Meter in der Breite. Typisch beim kompakten Keketouhai Granit ist auch, dass es kaum zusammenhängende Risssysteme gibt. Somit bieten die Felsen meist wenige einfache Angriffsmöglichkeiten und die Aufstiege sind meist mit schutzlosen Reibungen versehen.

Typisch beim kompakten Keketouhai Granit ist auch, dass es kaum zusammenhängende Risssysteme gibt. Somit bieten die Felsen meist wenige einfache Angriffsmöglichkeiten und die Aufstiege sind meist mit schutzlosen Reibungen versehen.

Unsere neue Route beginnt mit einer sehr steilen Verschneidung, die sich in der zweiten Seillänge ausdünnt und über einen Überhang führt. Für die zweite Seillänge benötigen wir ein Paar Anläufe, bis auch der Überhang im neunten Grad frei gelingt. Die dritte Seillänge beginnt ebenfalls als Verschneidung, wird allerdings im oberen Teil durch den feuchten Fingerriss und die mit Moos bewachsenen Wände zu einem rutschigen Abenteuer. Die letzten 6 Meter Riss erfordern technisches Klettern im 2. Grad, meine spärliche Ausrüstung klemmt kaum in der dünnen Rissspur. Ich arbeite mich sehr langsam nach Oben und fummle aufwendig den kleinsten meiner Keile zwischen zwei Quarziten in den Riss. Als ich dann mit meinem Gurt daran hänge, löst eine verklemmte Schlinge ein leicht spürbares Klacken aus und sorgt dafür, dass der Keil aus seiner Ruhelage kommt. Es geht rasant abwärts während die mühsam gelegten Klemmgeräte scheinbar mühelos aus dem Riss gezogen werden bis der letzte solide Camalot den 8 Meter Sturz fängt.

Es geht rasant abwärts während die mühsam gelegten Klemmgeräte scheinbar mühelos aus dem Riss gezogen werden bis der letzte solide Camalot den 8 Meter Sturz fängt.

Ein weiterer vorsichtigerer Versuch bringt den Erfolg und führt uns an den Fuß einer 60 Meter Reibungswand, die wir mit Hilfe von 4 Bohrhaken bezwingen. Ola’s anfangs langes Gesicht über den Stilbruch in unserer Route kann auch wieder lachen. Denn ich überzeuge sie, dass unserer Einsatz der Drahtbürste dafür gesorgt hat, dass spätere Seilschaften die dritte Seillänge noch frei begehen können.

ein Klima der Extreme: zwei Wochen Hitze, eine Woche Übergang und jetzt der Wintereinbruch!

Nach der Begehung der Mehrseillängentouren entschließen wir uns, kürzere Routen zu erschließen. In der „Little Turtle“ Wand werden wir vom ersten Schneeschauer heimgesucht – ein Klima der Extreme: zwei Wochen Hitze, eine Woche Übergang und jetzt der Wintereinbruch! Einen der Schneematschtage nutzen wir noch, um mit der Parkleitung zu sprechen. Wir reden ein bisschen durcheinander und jeder versucht der guten Frau etwas über Kletterethik und die Philosophie der sauberen Erstbegehung zu erzählen. Ich bin etwas besorgt, dass wir noch aus Ihrem Büro geschmissen werden, denn die Tage im Park gaben jedem von uns ein etwas abgewetztes Habitus. Aber die Reaktionen von Frau Hu sind positiv und sie gibt uns Hoffnung, dass weiter an der Umsetzung der Regeln für traditionelles Klettern gearbeitet wird.

Der Winter meint es am Ende doch noch nicht so ernst und schenkt und noch ein Paar Tage, in denen wir einige nette Routen erschließen können und die Zeit langsam ausklingen lassen können. An einem

Für weitere Erschließungen gibt es noch ein riesiges Potenzial. Bei unserem abschließenden Gespräch hatten wir das Gefühl, dass die Parkleitung eine generell positive Einstellung zum Bergsteigen hat. Unsere Philosophie über Kletterethik im Einklang mit Naturschutz wurde ebenfalls dankend vom Nationalpark aufgenommen. Wir denken, dass der Grundstein für weitere Neuerschließungen im Park gelegt ist. Der Nationalpark bekundete, dass jetzt an der Umsetzung der Regeln für traditionelles Klettern gearbeitet wird.

Guidebook von Ola: keketuohai-routebook-2015.pdf

 

Liming – Laojun Shan

Liming ist eine kleines Dorf im Naturpark Laojun Shan. Die einzigartige Felsenlandschaft entstand vor etwa 54 Millionen Jahren durch die Kollision der eurasischen mit der indischen Platte am Rande des tibetanischen Plateaus. Der rote Sandsteinfels mit den einzigartigen Konturen und die herrliche Natur ziehen bereits Touristen aus dem nahem Lijiang an. Da jedoch die Sehenswürdigkeiten in diesem Teil China so großzügig und vielfältig sind, wird der Ort zum Glück nicht von den großen Touristenmassen heimgesucht und der Ort und die Einwohner sind noch authentische Dorfbewohner der Lisu-Minderheit.

Von Kletterern wurde der National Park etwa um 2009 entdeckt und in Absprache mit den Bewohnern wurden Routen im traditionellen Stil eingerichtet. Mein Freund Mike Doobie hat im wesentlichen daran mitgewirkt, dass heute so viele Routen entstanden sind und dass hier geklettert werden darf. Bis heute ist man dem traditionellen Stil treu geblieben und richtet nur die Stände oder besonders gefährliche Stellen mit Bohrhaken aus.

Die Routen ortientieren sich vorwiegen an Risssystemen, die Halt für geübte Riss-Kletterer und deren Sicherungsgeräte bieten.

Ich hatte etliche Freunde gefragt und gebettelt, mit mir im Oktober nach Laojun Shan zu gehen, doch jeder hatte gerade in dieser Zeit etwas anderes vor. Wuzhouwen war der erste, der mir zugesagt hatte und er nahm nun auch gleich seinen neuen Kumpel Xiao Li mit auf die Reise. Ein bisschen Bauchschmerzen hatte ich bei der Sache, weil Wuzhuo Wen keine Erfahrung mit dem traditionellen Klettern hatte und Xiao Li war kompletter Neuling im Klettern. Wuzhuo Wen hatte ich, wie bereits im Getu-Beitrag geschrieben in Changchun kennengelernt. Er trainierte wie ich in der Universitätskletterhalle und schmuggelte mich das eine oder andere Mal an der mürrischen alten Hallenwärterin vorbei, die immer ein grießgrämiges Gesicht machte, wenn sie mich als Nichtstudent und Ausländer sah. Wir waren dicke Freunde geworden und Wu Zhuowen hatte nach seinem Uniabschluss beschlossen, sein junges Leben erst mal ausgiebig dem Klettern zu widmen. Somit trafen wir uns nun in Lijiang, einer der populärsten Touristenorte in China und fuhren gleich weiter nach Laojun Shan. Im Ort Shiguzhen machten wir Halt und kletterten einige dort frisch eingerichtete Sportrouten. Allerdings war das nicht unser Ziel und wir brachen am Nachmittag gleich wieder auf und kehrten ein in der abendlichen Idylle des Ortes Liming  und kosteten gleich einige lokale frisch zubreitete Spezialtäten. Unsere Unterkunft war das Faraway Hotel, ein kleines uriges Hostel eines etwas kauzigen aber sehr freundlichen Wirtes, der allerlei Schnitzereien her- und ausstellte. Der Hostelname „Faraway“ trifft übrigens ganz gut die Eindrücke und Stimmung, die dieser Ort auf mich ausübten. Ein Ort weit weg vom Alltag, weit weg von den Menschenmassen.

Der Hostelname „Faraway“ trifft übrigens ganz gut die Eindrücke und Stimmung, die dieser Ort auf mich ausübten. Ein Ort weit weg vom Alltag, weit weg von den Menschenmassen.

Jeden Morgen bestellte ich beim Wirt einen Kaffee. 10 Yuan sind schon ein stolzer Preis für ein Kaffee an so einem abgelegenen Ort – die Zimmermiete für uns drei betrug gerade mal 60 Yuan! Aber als ich sah mit welcher Hingabe er erst einmal die Yunnan Kaffebohnen in einer alten Handmühle mahlte, das Wasser kochte und aufgoß (der Prozess dauerte seine 15 Minuten), war es mir dieser kleine Luxus an jedem Morgen wert. In diesem kleinen Hostel wohnen auch die beiden Hunde Jerry und Puky (Mist! ich habe den richtigen Namen von dem kleinen Kerl vergessen – ich benutze jetzt Puky bis er mir wieder einfällt:)). Jerry war ein streunender Schäferhund, den Kletterer in den Bergen aufgelesen haben. Jerry ist genau wie Puky supernett und anhänglich, er hat bei im Faraway Hotel sein neues Zuhause gefunden. Die beiden Hunde begleiteten uns nun auf Schritt und Tritt auf den schwierigsten Zustiegen bis an den Wandfuß. Im Laufe der Tage wurden wir eine unzertrennliche Gruppe, drei Kletterer, ein großer und ein kleiner Hund und mindestens 20 Flöhe.

Im Laufe der Tage wurden wir eine unzertrennliche Gruppe, drei Kletterer, ein großer und ein kleiner Hund und mindestens 20 Flöhe.

Unser üblicher Tagesablauf war, früh nach dem Sonnenaufgang ein Frühstück in einem der kleinen Suppenküchen einzunehmen, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genießen (ohne Sonne ist es in Liming mit etwa 2000 Höhenmetern noch sehr kühl), einen der steilen Kletterzustiege hochkraxeln, ausruhen, klettern, klettern und klettern und dann wieder zurück, Abendessen in einem der urigen Straßenrestaurants und schlafen. Mit jedem Tag wurden diese Abläufe jedoch zäher, weil die Zustiege steil und beschwerlich sind und die Müdigkeit vom Klettern einsetzte. Also gab es auch Ruhetage, an denen Xiao Li und Wu Zhouwen im Zimmer abhingen und im Internet surften – wie das Studenten nun mal so machen und ich etwas flanieren ging.

..roter Fels, die helle warme Sonne immer im Gesicht, die netten Dorfbewohner, stahlblauer Himmel und die üppigen Wälder am Fuße der Berge.

Das herrliche an Limning sind die ganzen Eindrücke: roter Fels, die helle warme Sonne immer im Gesicht, die netten Dorfbewohner, ein stahlblauer Himmel und die üppigen Wälder am Fuße der Berge. Unsere ersten Routen waren eher einfach und ich begann vorsichtig die beiden Freunde an das Sichern mit Friends und Keilen heranzuführen. Wu Zhouwen hatte anfangs in jeder Route Angst und zitterte sich selbst 5.8 Routen hinauf. Im späteren Verlauf ging es aber immer besser und Zhouwen traute sich mehr zu (nach meiner Rückkehr blieb er noch einige Wochen in Liming mit einem anderen Freund und ich staunte am Ende nicht schlecht über seine Nachricht, dass er am Ende eine 5.12 selbst vorstieg!). Xiao Li war kompletter Neuling aber er ist auch ein geselliger Typ, der ohne Jammern die schwierigen Zustiege ertrug und so machten unsere Unternehmungen stets viel Spaß. Wir waren in der ersten Woche die einzigen Kletterer in Liming, in den letzten 4 Tagen kam eine zehnköpfige Truppe von Spaniern und leistete uns im Faraway Hotel Gesellschaft.

…alles was das Herz begehrt: saugende Handrisse, dünne Rissspuren, Überhänge, Überbreiten, Kamine und Verschneidungen

Die Routen in Liming sind alle noch relativ neu, die meisten wurden erst in den letzten 5 Jahren eröffnet. Anders als in alt gewachsenen Klettergebieten ist das Gro der Kletterrouten eher über 5.10 (6+ Bereich). Bei der Einrichtung der Routen hat man sich nicht einfach auf das Hochkommen konzetriert, sondern bewußt die sportliche Herausforderung am Fels gesucht. Daher ist es schwer im Gebiet für Anfänger (wie unseren Xiao Li) eine passende Route zu finden. Für geübte Risskletterer bietet der Fels alles was das Herz begehrt: saugende Handrisse, dünne Rissspuren, Überhänge, Überbreiten, Kamine und Verschneidungen. Es gibt auch jede Menge Mehrseillängen Touren, die ich aber der Sicherheit meiner Freunde wegen mied. „The Soul Awackening“ war unsere einzige Mehrseillänge Tour. Zusammen mit Wu Zhouwen kletterte ich diesen Klassiker. Wir beiden waren begeistert von der Ästhetik der Rissverschneidung. Wir kletterten die Route hinauf bis zum letzten Stand – die letzte Seillänge war von den Erstbegehern noch nicht vollständig eingerichtet worden und wir mussten extrem vorsichtig klettern, um nicht größere Steinschläge auszulösen.

So vergingen die Tage in Liming wie im Flug. Ich traf noch ein älteres Ehepaar aus Australien, die den weiten Weg von Kunming (etwa 600km) mit den Fahrrädern auf sich genommen hatten und noch weitere Etappen vor sich hatten. Vor dem Tag des Abschiedes kam noch eine Überraschung: Zhou Lei, ein alter Freund mit Rastalocken, der eine kleine Jugendherberge nahe Lijiang betreibt, kam in Liming an. Für meinen Freund Wu Zhuowen eine gute Chance, noch einige Wochen zu bleiben und weiter zu klettern.

Getu

Endlich mal wieder im Kletterurlaub, das hatte mir so richtig gefehlt. Diesmal hat es mich und drei Freunde aus Shanghai in die Provinz Guizhou verschlagen. Guizhou liegt im Süden Chinas und grenzt im Westen an die Provinz Yunnan. Guizhou ist eine kleine arme Provinz. Es heißt man kann in Guizhou keine 3 Schritte auf flachem Land machen, keine drei Tage ohne Regen überstehen und niemanden mit 3 Yuan in der Tasche finden. Das Land ist sehr bergig, das Klima sehr mild. In den Bergregionen wohnen noch viele indigene Völker wie zum Beispiel die Miao.

Auf unserer mitternächtlichen Fahrt vom Flughafen Guiyang zu unserem Ziel Getu gibt es aber noch einige Hindernisse zu überwinden. Unser Fahrer hat auf der Suche nach der Autobahnauffahrt nun schon dreimal gewendet. Er hat sich zwar einen Kumpel aus dem Nachbardorf als Verstärkung mitgebracht, aber die beiden feixen nur närrisch als wir den Flughafen wieder einmal passieren. Matthias hat nach einer Weile sein IPhone mobilisiert und Eveline lotst uns nun auf die Autobahn.  Aber nach einer Weile merken unsere zwei Jecken, dass das Benzin nicht reicht und wir begeben uns auf eine weitere Odyssee durch verschiedene Dörfer. Doch die Tankstellen sind alle um diese nachtschlafende Zeit geschlossen. Da hilft auch irres Hupen nicht. Also steigen wir 3 Uhr Nachts in einem gammeligen Hotel in irgendeinem Kaff ab.  7 Uhr klingelt uns einer der fürsorglichen Fahrer wieder aus dem Bett und es geht weiter nach Anshun und von da aus nach Ziyun – wir kommen unserem Zielort nun tatsächlich näher und der Fahrer gibt Gas, weil er sich hier auskennt. Das kleine Mianbaoche (übersetzt Brotauto- weil diese Autos Toastbroten ähneln) rattert über der die Serpentinen. Ein entgegenkommendes Taxi ist vor uns hat angehalten und der Fahrgast überdenkt gerade sein Frühstück nochmal. An uns fliegen die Karstberge am Fenster vorbei, die wie halbierte Eier in der Landschaft stehen, während wir unaufhörlich von einer in die andere Kreisbahn wechseln.

Endlich angekommen schwören wir, bei der Rückfahrt einen anderen Fahrer zu engagieren. Der Ortsname Getu He (格凸河) gibt im Han-Chinesischen wenig Sinn, da er wahrscheinlich aus der Miaosprache übersetzt worden ist. Die Miao, eine chinesische Minderheit, dominieren den Ort, der in einem Karsttal liegt und an den Nationalpark grenzt. Unsere Unterkunft war mehrere Male der Anlaufpunkt für den Petzl Rock Trip, wo Kletterer aus aller Welt hier Kletterrouten eröffnet haben. Getu wurde vor wenigen Jahren erst von Kletterern entdeckt und wegen des großen Potenzials und des wunderbaren Fels wurden die Rocktrips organisiert, um Getu zu einem international anerkannten Kletterort zu entwickeln. Wir steigen nun ebenfalls hier ab und staunen, dass es weder Frühstück noch sonst eine Mahlzeit in der bescheidenen Herberge gibt. Also müssen wir an der Straße an einigen der wenigen Stände unser verspätetes Frühstück einnehmen. Es gibt sehr scharfe Nudeln in verschiedenen Ausführungen – dieses Frühstück ist üblich bei den Miao (wir mussten fast jeden Tag ohne Abwechslung uns damit anfreunden). Als wir nun endlich auf dem Weg zum Fels sind, haben sich die Wolken gelichtet und die Sonne brennt erbarmungslos herunter. Wahrscheinlich liegt es an der Höhe, selbst Yan, gebürtige Chinesin, bekommt unter dieser Bestrahlung Sonnenbrand – von uns beiden Europäern ganz zu schweigen. Am ersten Tag machen wir Bekanntschaft mit dem abwechslungsreichen und steilen Fels und beschließen gleich am zweiten Tag zum berühmten “Great Arch“ zu gehen.

Der Great Arch (großer Bogen) liegt im Nationalpark. Mittels einer kleinen Fähre, die auch auf abenteuerliche Art und Weise die lokalen Motorräder transportiert, gelangen wir zum anderen Flussufer und können dabei die gigantische Felswand mit dem 3 Höhlen sehen: durch die untere Höhle fließt der Fluss, weiter oben eine kleinere Höhle, die Buddha Cave, und ganz Oben der Great Arch: ein riesige nach zwei Seiten offene Höhle, etwa 60 Meter hoch. Man kann aus verschiedenen Winkeln durchgucken und den Himmel auf der anderen Seite sehen. Es geht erst mal typisch chinesisch Steinstufen rauf mit Aussicht auf den Fluss und den Regenwald. An der Buddha Cave angekommen gibt es die erste unangenehme Überraschung: in der Naturhöhle, in der sich bisher nur eine Buddha Statue stand, wird mit Presslufthämmern gehämmert und mit Ziegeln und Beton gebaut. Also schnell an diesem Lärm und Staub vorbei und die erste Enttäuschung überwinden und weiter rauf. Aber was wir ganz Oben erleben ist noch schlimmer. In der einzigartigen Naturhöhle sind ganze Bauarbeiterkolonnen beschäftigt. Auf dem Boden wurde erst frisch eine Betonplattform ausgegossen und es wird eifrig an einer Art Bude geschweißt, wo wohl später Essen und allerlei Plunder feilgeboten werden soll. Den großen Felsbogen über uns können wir noch in Natura bestaunen. Dieses einzigartige Gewölbe in dem sicher einige seltene Tierarten leben, wird gerade massentourismustauglich gemacht. Wir erfahren auch dass auf der anderen Seite bereits ein gläserner Aufzug in Betrieb gegangen ist. Etwas der Illusion beraubt, klettern wir einige Routen inmitten der Bauarbeiten.

Nach einem kurzen Flussbad am Abend laufe ich noch mit Yan zu einem Miao Dorf, was am Ende des Nationalparks liegt. Die Miaos leben hier noch relativ zurückgezogen, verdienen nun aber auch als Touristenattraktion ihren Unterhalt. Im Dorf gibt es einen steil aufragenden Fels in Form, den die Dorfbewohner aber auch gleichzeitig als Gruft nutzen. Es war bis vor kurzem hier Tradition, das Männer aus dem Dorf die Felswände bestiegen – aber nicht als Freizeitvergnügen, so wie wir, sondern ganz ohne Sicherung mit dem Ziel, alte Schwalbennester zu sammeln. Die Nester können als traditionelle Medizin oder als besonders proteinhaltige Speise zubereitet werden. Nach dem die Nester von Gras und Lehm befreit sind, bleibt eine klebrige Substanz, der Speichel, übrig. Die hiesigen Kletterer, wurden an diesem Fels bestattet.

Die nächsten Tage verbringen wir außerhalb des Nationalparks an den verschiedenen Felswänden, auf denen immer wieder wunderschöne Kletterrouten zu finden sind. Leider ist die Auswahl an Routen im sechsten französischen Schwierigkeitsgrad und darunter sehr beschränkt, was es immer schwierig macht einen guten Kompromiss für uns zu finden.

Im Moment scheinen sich Kletterer und Normaltouristen noch die Waage zu halten. Jedoch sind am Eingang des Nationalparks schon umfangreiche Bauarbeiten im Gange. Es soll wohl ein kleines Touristendorf mit einer Einkaufsmeile entstehen. Im Moment versorgen vorwiegend die Dorfbewohner die Touristen mit wenig abwechslungsreicher Kost. Das Essen ist traditionell scharf und mit dem hier gezüchteten Pfeffer gewürzt. Die lokal produzierten Lebensmittel werden hier noch ganz frisch zubereitet. Das Huhn was soeben noch zwischen unseren Beinen herumlief wandert gerade gerupft und geköpft in die Küche. Vor nicht zu langer Zeit sollen hier Hühner nur zu besonderen Anlässen wie zum Beispiel Neujahr oder Hochzeiten geschlachtet worden sein.

Bei einer Wanderung entlang der Felder lernen Yan und ich das kleine Mädchen Liang Ziyuan 梁紫渊 kennen. Es hat ihren kleinen zweijährigen Bruder huckepack und ihre kleine Schwester an der Hand. Die Mutter arbeitet irgendwo auf dem Feld. Draußen strahlt die Sonne wieder einmal heftig und die Kleine lädt uns zu Hause bei sich ein. Ein Motorrad steht in der Küche, Werkzeuge für die Feldarbeit und ein großes Sieb sind ordentlich aufgereiht. Der kleine Bruder schläft in der Kindertrage ein als sie ein bisschen erzählt. In der Schule lernen sie die Miaosprache, Hanchinesisch und auch Englisch – das liegt ihr aber nicht so. Auch Kunstunterricht und Sport haben sie in der Schule, die gleich auf der anderen Seite des Feldes liegt. Jetzt sind Sommerferien und sie muss auf die kleinen Geschwister aufpassen. Nein, den kleinen Bruder kann sie nicht ablegen, er würde ja jetzt aufwachen. Also weiterschleppen. Wir sehen noch viele Bauern, die bei der Hitze auf dem Feld arbeiten. Ein alter Mann will uns auch mit nach Hause nehmen, seine Augen sind durch den Star trübe – das macht bestimmt die Sonneneinstrahlung. Bei einer anderen Bäuerin erfahren wir, dass ihre ältesten Kinder in Guangzhou arbeiten. Die Tochter hat geheiratet und ein Kind und sonst geht es allen ganz gut.

An unserem letzten Tag treffe ich noch Wu Zhuowen. Er hat an der Changchun Li Gong Universität studiert und gerade den Bachelor absolviert. Er war immer aktiv der Klettersportgruppe, in der ich auch mit Steven, dem Australier mittrainieren durfte. Wu Zhuowen ist extra einen Tag früher angereist, dass wir uns noch treffen können. Er hat es im Moment nicht eilig, Arbeit zu finden – schuften kann man später immer noch. Jetzt möchte er noch dem lang gehegten Traum verwirklichen und in China klettern, vielleicht nebenbei etwas verdienen und noch mehr klettern. Wir haben uns schon für den nächsten Klettertrip im Oktober verabredet.